„Meine Analyse sagt long. Dann schaue ich das Morgenvideo, und er sagt short. Er macht das seit fünfzehn Jahren. Also bin ich short."
1 · Was ist das überhaupt?
Die geliehene Meinung ist ein Trade, dessen Richtung nicht aus deiner Analyse kommt. Sie kommt von jemandem, dem du mehr zutraust als dir: einem Mentor, einer Signalgruppe oder einem lauten Account. Oft hast du vorher selbst analysiert. Dann hörst du, warum er es anders sieht, und deine eigene Arbeit zählt nicht mehr. Niemand hat dich dazu gezwungen. Du hast dich selbst überstimmt.
2 · Warum gibt es das?
Drei Effekte greifen ineinander. Der Autoritäts-Effekt: Eine Einschätzung wiegt schwerer, wenn sie von jemandem kommt, den du für kompetenter hältst. Dein Kopf hört dann auf, selbst zu rechnen. Die Confidence-Heuristik: Wer sicher auftritt, gilt als kundig, und ein Morgenvideo klingt immer sicherer als deine eigenen Notizen. Der Anker: Die erste begründete Meinung, die du hörst, setzt den Rahmen für alles danach. Ist die fremde Richtung einmal übernommen, macht der Confirmation Bias weiter. Er verteidigt sie, als wäre sie deine.
3 · Was hat die Forschung gemessen?
Mit Expertenrat rechnet das Gehirn nicht mehr selbst. Jan Engelmann, Monica Capra, Charles Noussair und Gregory Berns haben 2009 in PLoS ONE 24 Versuchspersonen im Hirnscanner finanzielle Entscheidungen treffen lassen, mal mit dem eingeblendeten Rat eines Experten, mal ohne. Ohne Rat arbeiteten die Hirnbereiche mit, die den Wert einer Option berechnen. Mit Rat war dieser Zusammenhang nicht mehr nachweisbar. Die Forscher schreiben, der Rat lagere die Bewertung aus dem Gehirn aus. Die Entscheidungen verschoben sich in Richtung des Rats, obwohl der Experte im Versuch nicht optimal riet, sondern vorsichtig.
Wer sicher klingt, gilt als kundig. Paul Price und Eric Stone haben 2004 im Journal of Behavioral Decision Making drei Experimente beschrieben. Studierende beurteilten zwei erfundene Finanzberater, die einschätzten, mit welcher Wahrscheinlichkeit Aktien steigen. Der eine Berater war gut kalibriert, der andere übertrieben selbstsicher. In allen drei Experimenten bevorzugten die Teilnehmer den übertrieben selbstsicheren Berater. Die Forscher nennen das die Confidence-Heuristik: Sicherheit im Auftreten wird als Wissen gelesen.
4 · Was heißt das für dein Trading?
Ein geliehener Trade ist ein Trade ohne Plan. Du kennst die Richtung, aber nicht den Stop, nicht die Size und nicht den Punkt, an dem der andere seine Meinung ändert. Er ist vielleicht längst draußen, während du noch hältst. Lernen kannst du aus dem Trade nichts: Gewinnt er, hatte der andere recht, verliert er, lag der andere falsch. Der leiseste Schaden ist der größte. Jedes Mal, wenn du deine Analyse für eine fremde wegwirfst, bringst du dir bei, dass deine nichts wert ist. Der Verlust landet trotzdem auf deinem Konto.
5 · Was kannst du dagegen tun?
- Entscheide einmal, wer verantwortlich ist. Schreib den Satz auf: Ich stehe für meine Trades gerade, also stehe ich auch für meine Analyse gerade. Wer die Verantwortung für den Verlust trägt, kann die Analyse davor nicht ausleihen.
- Analysiere zuerst, und zwar schriftlich. Notiere deine Richtung, deine Levels und einen Satz, der mit „Ich liege falsch, wenn" beginnt. Erst danach schaust du dir eine fremde Analyse an.
- Gleiche ab, statt zu übernehmen. Trifft eines seiner Argumente deinen Ich-liege-falsch-Satz? Wenn ja, hast du einen Grund, deine Analyse zu ändern. Wenn nein, hast du eine zweite Meinung gehört und keinen Beweis. Widersprecht ihr euch weiter, handelst du deine Analyse oder gar nicht.
- Ehrlich gesagt: Ein guter Mentor will, dass du ihn irgendwann nicht mehr brauchst. Seine Analysen sind Lehrmaterial. Schau sie dir an, um zu verstehen, wie er zu seinem Schluss kommt, und nicht, um den Schluss mitzunehmen.
Was mir geholfen hat
Diese Falle war für mich kein großes Thema, aber ich kenne sie. Wenn mein Mentor in seiner Morgenanalyse short sagte und das gut begründete, war ich innerlich auf short eingestellt, obwohl meine eigene Analyse long gesagt hatte.
Von Signalgruppen habe ich mich sehr schnell verabschiedet und stattdessen angefangen, selbst zu lernen. Irgendwann habe ich für mich festgelegt, dass ich für meine Handlungen verantwortlich bin und damit auch für meine Analyse. Fremde Analysen schaue ich mir weiterhin an und gleiche sie mit meiner ab, weil ich daraus lerne, aber sie haben keinen Einfluss mehr auf meine Entscheidung. Seitdem kann ich mir besser in den Spiegel schauen.
6 · Und was hat das mit Phoenix zu tun?
Phoenix sagt dir nicht, was du traden sollst, und prognostiziert keine Märkte. Das ist Absicht: Eine weitere Stimme mit einer Richtung wäre genau diese Falle. Die Bias-Analyse nimmt dir die Handarbeit vor dem Handelsstart ab (Key Levels, Ranges, Struktur). Das sind Daten und keine Meinung, und deine eigene Analyse steht damit, bevor die erste fremde bei dir ankommt. Im Journal legst du einen eigenen Faktor an, zum Beispiel „Richtung übernommen", und die Musteranalyse zeigt dir, was diese Trades im Vergleich zu deinen eigenen gebracht haben. Mattheo gibt keine Trades und keine Markt-Prognosen.
Häufige Fragen
Was ist Autoritäts-Bias im Trading?
Autoritäts-Bias ist die Neigung, einer Einschätzung mehr Gewicht zu geben, weil sie von jemandem kommt, den du für kompetenter hältst. Im Trading zeigt er sich, wenn die Analyse eines Mentors oder einer Signalgruppe deine eigene überstimmt, ohne dass eines deiner Argumente widerlegt wurde. Danach übernimmt oft der Confirmation Bias und verteidigt die geliehene Richtung wie eine eigene.
Soll ich Signalgruppen und Live-Trading-Räume meiden?
Nicht unbedingt. Als Lehrmaterial sind fremde Analysen wertvoll, wenn du verfolgst, wie jemand zu seinem Schluss kommt. Zwei Regeln halten sie an ihrem Platz: Deine eigene Analyse steht schriftlich da, bevor du eine fremde anschaust. Während deiner Session bleiben Signalgruppe und Live-Raum zu.
Mein Mentor ist besser als ich. Warum soll ich nicht einfach seine Trades nehmen?
Weil du nur seine Richtung bekommst und nicht seinen Plan. Du kennst weder seinen Stop noch seine Size noch den Punkt, an dem er seine Meinung ändert. Er ist vielleicht längst draußen, während du noch hältst. Aus dem Trade lernst du außerdem nichts über deine eigene Methode, und der Verlust landet auf deinem Konto.
Quellen
- Engelmann, J. B., Capra, C. M., Noussair, C. und Berns, G. S. (2009): Expert financial advice neurobiologically offloads financial decision-making under risk. PLoS ONE 4(3), e4957.
- Price, P. C. und Stone, E. R. (2004): Intuitive evaluation of likelihood judgment producers: Evidence for a confidence heuristic. Journal of Behavioral Decision Making 17(1), 39 bis 57.